Die guten, die schlechten und die hässlichen Arten der Beteiligung junger Menschen an Entscheidungsprozessen

Bild: Generation d-Liberation (Foto von Soundous Boualam)

Die Partizipationsleiter hat viele Sprossen. Petr Franc, Student und OBESSU-Vorstandsmitglied, erörtert die Frage, wie hoch Schüler/innen auf dieser Leiter klettern sollten.

Nennen wir das Kind beim Namen: Es wird viel darüber geredet, wie wichtig die Einbeziehung von Schülerinnen und Schülern ist. Allerdings wissen viele Lehrerinnen und Lehrer, die diesen Artikel lesen, aus eigener Erfahrung, dass bestimmte Gruppen von Kindern und Jugendlichen wenig dazu neigen, sich an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Oft wird dabei ein möglicher Grund für dieses Desinteresse übersehen: Diese Gruppen sind es häufig nicht gewohnt, dass ihre Meinung gehört wird oder dass sie nach ihren Bedürfnissen gefragt werden. Und doch sind ihre Beiträge und Erfahrungen von entscheidender Bedeutung, damit die Gesellschaft zukünftig ihren Anforderungen entspricht.

Vor diesem Hintergrund ermutigen einige Schulen, Bildungseinrichtungen und bildungsbezogene Initiativen häufig zur Partizipation, die sie als eine Komponente der politischen Bildung betrachten. Ich bin der Überzeugung, dass man zwischen beidem unterscheiden muss. Schülervertretungen, die unstrittige Probleme lösen und über die Farbe des Serviettenspenders in der Cafeteria entscheiden, können unmöglich als Beispiel für eine sinnvolle Partizipation herangezogen werden. So etwas stellt in Wirklichkeit überhaupt keine Partizipation dar, unabhängig davon, ob damit Verhandlungskompetenz, demokratische Strukturen und staatsbürgerliches Verhalten gefördert werden, auch wenn diese Komponenten für die politische Bildung zweifellos wichtig sind.

Das maßgebliche Modell in der wissenschaftlichen Literatur zur Partizipation ist die Partizipationsleiter. Die Politikwissenschaftlerin Sherry Arnstein stellte treffend fest, dass Partizipation nicht gleich Partizipation ist und dasselbe auch für Macht gilt: Es gibt verschiedene Stufen der Beteiligung auf dieser Leiter. Auf der untersten Ebene wird den Bürgerinnen und Bürgern von den Machthabern lediglich gesagt, was sie zu tun haben. Je höher man aufsteigt, desto besser ist man über die Aktivitäten informiert, an denen man teilnimmt, und desto höher ist der Grad der Mitbestimmung. Wenn ein Kind an einem politischen Protest teilnimmt, ohne sich über dessen Zweck im Klaren zu sein, wird es dem Modell zufolge manipuliert. Wenn die Entscheidungsbefugnis auf Serviettenspender begrenzt ist, hat sie lediglich eine Alibifunktion. Echte Staatsbürgerschaft ist laut dem Modell nur an der Spitze der Leiter der Fall, wo es absolute Beteiligung gibt: Bürgermacht.

Das Organising Bureau of European School Student Unions (OBESSU) sieht den Zweck der Schule nicht nur darin, soziale Schranken abzubauen und emanzipierte, aktive Bürgerinnen und Bürger heranzubilden, sondern sie auch an der Entscheidung über alle sie betreffenden Fragen zu beteiligen. Nachdem ich die Unterscheidung zwischen politischer Bildung und tatsächlicher Partizipation getroffen und gezeigt habe, dass sie nicht immer Hand in Hand gehen, wollen wir überlegen, wie ein Prozess aussehen könnte, der beide Konzepte miteinander verbindet.

Ein Beispiel für eine praktikable Kombination aus politischer Bildung und Partizipation, das von OBESSU eingeführt wurde, ist das brandneue Projekt Generation d-Liberation. Dessen Ziel ist es, Schüler/innen der Sekundarstufe in die Lage zu versetzen, eigene Jugendversammlungen auf lokaler Ebene zu organisieren, in denen sie über Themen diskutieren, die sie alle betreffen. Nachdem die Versammlung gemeinsame Forderungen beschlossen hat, werden diese der Konferenz zur Zukunft Europas vorgelegt. Das Projekt umfasst sowohl einen von Jugendlichen geführten politischen Bildungsprozess als auch tatsächliche Versuche, Veränderung zu erreichen. Es stellt sich also heraus, dass man tatsächlich beides haben kann.

In der modernen Gesellschaft ist die Ausübung der öffentlichen Gewalt durch „Laien“ möglich geworden, d. h. das partizipatorische Ideal, nach dem die Bürgerinnen und Bürger sich selbst regieren. Und die jungen Leute sind mittendrin dabei. Das ist jedoch keine Einbahnstraße: Die jungen Bürger/innen müssen einerseits ihr Umfeld verändern und das Umfeld muss andererseits ihr politisches Engagement fördern, indem es ihnen Teilhabe ermöglicht. Damit junge Bürger/innen die Gesellschaft gestalten können, muss die Gesellschaft für deren Partizipation sorgen.


Petr Franc

Petr Franc ist Vorstandsmitglied bei OBESSU. Er war Bildungsberater und gewählter Studentenvertreter auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Derzeit studiert er an der Karls-Universität in Prag, wo er einen Abschluss in Rechts- und Sozialwissenschaften anstrebt.

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