Ohne Flügel des Lernens bleibt man auf dem Boden gefangen

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Informelles Lernen wird außerhalb formeller Institutionen organisiert, erfolgt zielgerichtet, basiert auf der Motivation der Lernenden und führt nicht zu einer Zertifizierung. Diese Form des Lernens ist uns allen bekannt, aber sie gewinnt in letzter Zeit an Bedeutung. Tomi Kiilakoski von der Universität Tampere, Finnland, erklärt warum.

„I am learning to fly, but I ain't got wings“ (ich lerne fliegen, aber ich habe keine Flügel) sang der amerikanische Songschreiber Tom Petty. Er mag existenziellere Dinge im Sinn gehabt haben, aber mein Eindruck ist schon seit Längerem, dass der Song vom Lernen handelt. Lernen ist ein Prozess, bei dem wir uns mit unbekannten Situationen auseinandersetzen. Wie das Fliegen ermöglicht es uns, Neues zu erkunden.

Es liegt auf der Hand, dass Lernen in vielen Situationen stattfindet. Viele Denker/innen postulieren, dass wir uns von dem Konzept des Lernens als kontrollierte und institutionalisierte Aktivität lösen sollten. Dieses Lernkonzept kann man als Erwerb oder Weitergabe von Wissen bezeichnen. Allerdings wird dabei übersehen, dass wir auch außerhalb der formellen Bildung viel lernen und weiter lernen werden, solange wir leben.

Auf europäischer und nationaler politischer Ebene wird dem informellen Lernen mehr und mehr Bedeutung zugemessen – und das aus gutem Grund. Mehrere tiefgreifende aktuelle Entwicklungen haben dazu geführt, dass unsere Welt schwerer vorhersehbar ist. Dazu gehören die Digitalisierung und die Technologie, die unsere Welt immer schneller umgestalten; die wachsende Bedeutung der sozialen Medien als Quelle von Poesie und Propaganda, von Wissen und geistigem Unrat; die sich verändernden Anforderungen der Arbeitsmärkte und zahlreiche neue gravierende Probleme wie die COVID-19-Pandemie und die Umweltkrise. Alle diese verschiedenen Phänomene tragen dazu bei, dass die Welt unsicherer wird. Diese Situation können wir nur meistern, wenn wir uns dem kontinuierlichen Lernen zuwenden. Formelles Lernen ist weiterhin notwendig, aber wir müssen es mit informellem Lernen kombinieren.

Das informelle Lernen kann auf drei verschiedene Arten gefördert werden. Erstens ist es möglich, die formellen Lernmethoden zu verändern. Anstelle einer hierarchischen Vermittlung von oben nach unten werden diese lernerzentriert und dialogbasiert. Beispiele hierfür sind arbeitsweltbasiertes Lernen, Erlebnispädagogik und Gamification.

Zweitens werden die Anerkennung und Validierung der Ergebnisse des informellen Lernens diskutiert und weiterentwickelt. Dadurch wird das Lernen außerhalb formeller Institutionen aufgewertet und dessen gesellschaftliche Relevanz erhöht.

Drittens kann das informelle Lernen durch eine verstärkte professionelle Zusammenarbeit an Bedeutung gewinnen. In meinem Heimatland Finnland zeigt sich dies beispielhaft an der stark zunehmenden schulischen Jugendarbeit. Der Lernprozess in der Jugendarbeit ist tendenziell ergebnisoffen: Der Schwerpunkt liegt dabei eher auf dem Prozess selbst als auf Lernergebnissen oder vorgegebenen Zielen und die Auswirkungen von Peer-Beziehungen sind wichtig. Diese Kombination aus formellem und informellem Lernen ist eine Möglichkeit, wie Schulen zu vielfältigeren Lernumgebungen als bisher werden können.

Warum sollte man sich überhaupt mit dem informellen Lernen befassen? Wenn wir es nicht anerkennen, wird es uns nicht gelingen, individuelle Kenntnisse und Kompetenzen zu würdigen. Wenn wir die Auswirkungen verschiedener Lernumgebungen nicht verstehen, verschwenden wir als Gesellschaft Ressourcen. Wenn wir das institutionalisierte Lernen privilegieren, schaffen wir soziale Barrieren zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen.

In modernen Gesellschaften müssen wir in der Lage sein, ständig neue Situationen zu bewältigen. Wenn uns die Pandemie etwas gelehrt hat, dann ist es genau das. Wir müssen lernen, aber wir haben nicht immer Flügel: Vielleicht fehlt es uns an Motivation, Ressourcen, Mut, pädagogischer Unterstützung bzw. Respekt oder Anerkennung für das, was wir bereits wissen. Wenn wir das informelle Lernen besser würdigen und verstehen, können wir dafür sorgen, dass mehr Menschen fliegen können.


Tomi Kiilakoski

Tomi Kiilakoski, PhD, ist Senior Researcher im Finnish Youth Research Network und Lehrbeauftragter an der Universität Tampere. Seine Fachgebiete sind Jugendarbeit, Partizipation von Jugendlichen, Bildungspolitik und Kulturphilosophie. Er setzt sich aktiv für die Förderung der Mitwirkung an der Jugendarbeit und Bildungspolitik und deren Weiterentwicklung ein.