Was es bedeutet, eine ländliche Schule in Europa zu sein

Image: Dan Meyers / Unsplash.com

Eine ländliche Schule im Jahr 2020 steht vor großen Herausforderungen und gleichzeitig bieten sich ihr viele Chancen. Vittoria Volterrani schreibt offen über ihre Beobachtungen als Grundschullehrerin am IC Bobbio – einer Einrichtung aus 13 kleinen Schulen in den Hügeln der Provinz Piacenza in Norditalien.

Schüler an ländlichen Schulen sind mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert. Einige sind praktischer Natur, z. B. die langen Wege, die sie zurücklegen müssen, um Zugang zu Bildung zu erhalten oder eine Bibliothek zu besuchen. Andere sind strukturell bedingt, z. B. die Lehrerfluktuation oder mangelnde Innovationen, weil Lehrkräfte ohne externe Anreize in ihrer Komfortzone bleiben. Einige Schwierigkeiten liegen im Bildungsbereich begründet, z. B. mangelnde Vergleichsmöglichkeiten und wenig Erfahrungen mit unterschiedlichen Hintergründen sowie ein unzureichendes Verständnis der komplexen globalisierten Welt.

Andererseits bietet eine ländliche Schule, die mit der richtigen Einstellung und konsequent geführt wird, auch viele Möglichkeiten für sinnvolle Lernprozesse. Ländliche Schulen haben im Allgemeinen eine schöne natürliche Umgebung, die zahlreiche Bildungschancen eröffnet. Sie haben eine geringe Schülerzahl und damit engere und konstruktivere Beziehungen zu den Familien. Außerdem können Unterstützungsnetzwerke mit Kommunen und Interessengruppen schneller aufgebaut werden. In einem ländlichen Umfeld werden Schulen in der Regel hoch geschätzt, da sie als entscheidend für die Zukunft der Bewohner angesehen werden. Darüber hinaus kann man in Klassen mit mehreren Jahrgangsstufen, die in besonders abgelegenen Gebieten immer noch häufig Realität sind, eine kompetenzbasierte Didaktik mit kontinuierlichen Peer-Tutoring- und Peer-Mentoring-Maßnahmen konsequent in Angriff nehmen.

Zwar lässt sich an den Standortbedingungen einer ländlichen Schule nichts ändern, die mit der Isolation verbundenen Schwierigkeiten können aber auf vielfältige Weise überwunden werden. Vergleiche, Beziehungen und Möglichkeiten zur Entwicklung von Kompetenzen des 21. Jahrhunderts sind für diejenigen, die in ländlichen Gebieten leben, keine Selbstverständlichkeit, jedoch für den Kontakt mit der globalisierten Welt und gleiche Bildungschancen unerlässlich. Die Europäisierung ist für ländliche Schulen von grundlegender Bedeutung, weil sie es ermöglicht, den Anforderungen aller Schüler/innen und Lehrkräfte gerecht zu werden.

Schüler/innen an einer beschrifteten Treppe

Bild: IC Bobbio

Das durften wir am IC Bobbio als kleine ländliche Schule ganz real erleben. Dank eines gut strukturierten Europäisierungsprozesses, den wir mit anderen nationalen ministeriellen Maßnahmen kombiniert haben, konnten in wenigen Jahren alle Bildungschancen geboten werden, die die Isolation bisher ausgeschlossen hatte.

Die Schulung und Interaktion durch eTwinning, Erasmus und europäische MOOCs haben es den Lehrkräften ermöglicht, ihre Unterrichtsstrategien zu aktualisieren und ihr Lehrkonzept von wissensorientiert in kompetenzorientiert, von lehrplanzentriert in schülerzentriert zu ändern. Diese Ansätze haben zu einer gemeinsamen Vision geführt, die die politische Teilhabe in Europa in den Mittelpunkt des Lehrplans stellt. Die Europäisierung hat auch zu einer klaren Integration der IKT im eigentlichen Sinne geführt, die den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bietet, mit Schüler/innen in einem anderen gesellschaftlichen Umfeld in Kontakt zu treten, sich zu informieren, kritisches Denken zu entwickeln und Technologien proaktiv zu nutzen.

Schüler/innen bei Videokonferenz

Bild: IC Bobbio

Eine ländliche Schule mit einem etablierten Europäisierungsansatz berücksichtigt die Bildungsanforderungen der Schüler/innen. Das bedeutet, dass die Lehrkräfte geschult, kompetent und offen für Vergleiche sind und den Schüler/innen helfen können, die notwendigen Kompetenzen zu erwerben. Beziehungen, Austausch, Innovationen und Offenheit kommen so zu den Vorzügen ländlicher Schulen hinzu, d. h. einem geruhsamen Lebensstil, der wunderbaren Natur, den kleinen Klassen und den Zeitreserven des Schulpersonals für ihre Familien. Darüber hinaus erleichtern die kleinere Größe und die engeren Unterstützungsnetze der ländlichen Schulen systemische Innovationen.

All dies wird jedoch durch effektive Kommunikation und sinnvolle Narrative erreicht – notwendige (aber nicht immer verstandene) Voraussetzungen. Um die starken Auswirkungen des Europäisierungsprozesses auf die ländlichen Schulen zu gewährleisten, muss dieser weiterverbreitet, formalisiert und erneuert werden. Genau darum kümmert sich das INDIRE-Projekt „Piccole Scuole“ in Italien für die vielen ländlichen Schulen im ganzen Land. Und das tun auch eTwinning-Botschafter/innen wie ich, die mit kontinuierlichen Mentoring-Maßnahmen sowohl kleine als auch große Schulen bei der Entwicklung von Europäisierungsprozessen unterstützen.


Vittoria Volterrani (@vittovolte) ist Grundschullehrerin. Sie ist seit 2013 eTwinning-Botschafterin und gehört dem Marconi IST USR-ER Service seit 2016 an. Außerdem ist sie Mitglied der Europeana-Nutzergruppe und in der Lehrerausbildung tätig. Sie arbeitet auf den Gebieten Europäisierung, Innovation, aktive Methoden, digitale Technologien, soziales und emotionales Lernen und englische Sprachdidaktik.