Braucht das Berufsfeld Lehramt vielfältigere Berufswege?

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Das Lehramt ist einer der wichtigsten Berufe unserer Gesellschaft, und doch sind Lehrkräftemangel und hohe Ausfallquoten seit 40 Jahren in vielen Bildungssystemen ein ernst zu nehmendes Problem. Laut neuster Studien steht diese Situation häufig in Zusammenhang mit einer relativen Abnahme des ökonomischen und sozialen Status des Berufsbildes sowie der wachsenden Verantwortung und Komplexität des Berufsalltags. Professor Xavier Dumay befasst sich mit der Frage, ob Lehramtskarrieren der „zweiten Generation“ hier eine Lösung bieten können.

In vielen Ländern lassen sich die genannten Probleme beobachten. Dies hat dazu geführt, dass seit Ende des 2. Weltkriegs Bildungspolitik immer globaler zum Thema gemacht wird. Bereits seit den 60er Jahren und verstärkt seit den 1990ern sind Lehrkräfte bei der OECD Bestandteil der Agenda. In der EU folgten auf den Vertrag von Maastricht im Jahr 1991 verschiedene Programme zur Förderung der internationalen Mobilität und beruflichen Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften sowie ein verstärktes Interesse für die europäische Dimension nationaler Lehrpläne. In den letzten Jahrzehnten wurde die Aus- und Weiterbildung, Arbeitssituation und Berufslaufbahn von Lehrkräften sowie die Problematik europäischer Bildungssysteme immer umfassender Bestandteil der EU-Politik.

Ein großes Hauptthema sind in dieser Diskussion die Aufstiegsmöglichkeiten von Lehrkräften. So wird häufig kritisiert, die Karrierechancen im Lehrberuf seien flach und böten dem Einzelnen nicht die Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten, die sie attraktiv machten. Dies wiederum mache es schwer, hochqualifiziertes Personal zu finden und zu halten. Bildungssysteme wie in Singapur, Japan und bis zu einem gewissen Grad auch in Australien und Peru begünstigen Lehramtskarrieren der „zweiten Generation“ , indem Aufstiegsmöglichkeiten im wesentlichen auf beruflicher Weiterbildung und Fachkompetenz beruhen.

Auch wenn die Auswirkungen solcher Lehramtskarrieren der zweiten Generation in der Fachwelt noch umstritten sind, sollten die Annahmen, auf denen sie beruhen, gründlich geprüft werden.

Zunächst sollte man nicht vergessen, auch wenn dies trivial erscheinen mag, dass die berufliche Grund- und Weiterbildung zwei Seiten derselben Medaille sind. Beide sollten auf der Vermittlung einer soliden Wissensgrundlage aufbauen, die im Dialog von Lehrberuf, Forschung und Politik entsteht. Im Diskurs über Lehramtskarrieren wird oft betont, dass Quereinsteiger im Lehrberuf gerade durch ihr Fachwissen und ihre Berufserfahrung attraktiv sind, und dies wird durch eine komprimierte bzw. beschleunigte Grundausbildung gefördert. Auf der anderen Seite gehen beschleunigte Modelle oft mit einer starken Rechenschaftspflicht einher, womit die Möglichkeit der Lehrkräfte, zu einem Wissensfundus beizutragen, begrenzt wird. Ein System, das auf der fachlichen Kompetenz von Lehrkräften aufbaut, bedeutet auch, auf ihre Fähigkeit zu vertrauen, Lehrmethoden mit Hilfe ihrer in der Aus- und Weiterbildung sowie im Berufsalltag erlangten Kompetenzen auf komplexe Unterrichtssituationen anpassen zu können.

Zweitens sollte nicht nur der vertikalen, sondern auch der horizontalen Mobilität ein höherer Stellenwert eingeräumt werden. In Singapur zum Beispiel umfasst die Berufslaufbahn drei Karrieremöglichkeiten, die eng miteinander verflochten sind: Lehrtätigkeit, Leitungsposition und fachliche Spezialisierung. Der Berufszweig Lehre konzentriert sich auf Wissen und Kompetenzen im Bereich Pädagogik. Er umfasst vier Karrierestufen in Bezug auf die didaktische Kompetenz: Senior, Lead, Master und Principal Master. Interessanterweise wird der Berufszweig der fachlichen Spezialisierung als Beitrag des Lehrberufs zur Erstellung einer Wissensgrundlage für Lehre, Forschung und Entwicklung verstanden.

Drittens sollte der Lehrberuf nicht mit einer Karriere im Management gleichgesetzt werden. Im Hinblick auf ihre berufliche Entwicklung und Weiterbildung sollten sich Lehrkräfte zuerst vor ihren „erfahrenen“ Kollegen zu verantworten haben und nicht vor Schulleitung oder Wirksamkeitsindikatoren. Die berufliche Weiterbildung ist ein fortdauernder und langwieriger Prozess, der sich nicht auf kurzfristige Ziele und eng umrissene Indikatoren begrenzen lässt. Entsprechend müssen berufliche Hierarchien das relative Level der Fachkompetenz und nicht (nur) Unterschiede in Leitungsfunktionen und Aufgabenbereichen widerspiegeln.

Zu guter Letzt braucht die Investition in langfristige berufliche Weiterentwicklung sichere Zukunftsperspektiven, die auf günstigen Beschäftigungsverhältnissen beruhen. Leistungsorientierte Vergütungssysteme, bei denen der berufliche Aufstieg im Wesentlichen von schülerspezifischen Leistungsindikatoren abhängig ist, sind an diesem Punkt kontraproduktiv, da sie eher eine kurzfristige Flexibilisierung als eine Vertiefung der beruflichen Fachkompetenzen für hochqualitative Bildungsumfelder fördern.


Xavier Dumay

Xavier Dumay ist Professor für Erziehungswissenschaft an der UC Louvain. Seine Schwerpunkte sind die Globalisierung des Bildungssektors, Bildungspolitik, Arbeitsmärkte für Lehrkräfte und neue Formen der Bildung.