Sprechen wir nicht über besonderen Förderbedarf – sprechen wir lieber über Inklusionsfähigkeit

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Angesichts der Komplexität heutiger Klassen ist ein reines Reagieren auf die Bedürfnisse von SchülerInnen „mit Minderleistung“ nicht so sinnvoll wie ein kollaborativer Ansatz. Per Skoglund, Politikwissenschaftler und F&E-Koordinator, über die Notwendigkeit eines Perspektivwechsels.

In meinen 25 Jahren Arbeit und Forschung im Bereich Bildung und Sonderpädagogik haben sich die Bezeichnungen für die SchülerInnen von „behindert“ über „mit Behinderung“, „Menschen mit Beeinträchtigungen“ und „SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf“ hin zu „SchülerInnen, die zum Erreichen der erwünschten Ziele besondere Unterstützung benötigen“ gewandelt. Aber die Benennung der „Bedürfnisse“ eines der Akteure scheint nicht ausreichend. Sinnvoller ist es, das Thema vor dem Hintergrund des Zusammenhangs zwischen der einzigartigen Fähigkeit der Lehrkraft und der einzigartigen Fähigkeit des Schülers oder der Schülerin zu betrachten!

Deutlicher wird das, wenn man sich vorstellt, wir würden in einer Welt leben, in der solche Bezeichnungen einseitig verwendet würden: „behinderte Schulen“, wenn Lehrkräfte nicht in der Lage sind, auf die Bedürfnisse der SchülerInnen einzugehen, und „Sonderpädagogik für Schulen“, wenn Lehrkräfte Unterstützung dabei brauchen, die gesteckten Ziele zu erreichen.

Das ist die Essenz des Ganzen. SchülerInnen mit Unterstützungsbedarf stehen meist in Verbindung zu Lehrkräften mit Unterstützungsbedarf.

Wie also lässt sich die Bildung verbessern? Professor John West-Burnham schreibt, dass „wir mit dem Lernenden als einzigartigem Individuum beginnen und seine Ausbildung an seiner Persönlichkeit ausrichten müssen“. Das unterstütze ich und schlage einige geprüfte Maßnahmen vor, die helfen könnten, unser Unterfangen und unsere Ergebnisse zu verbessern.

Überlegen Sie sich, worum es uns beim Lernen tatsächlich geht. Eigentlich geht es doch um unsere Fähigkeit, Kinder dabei zu unterstützen, zu wachsen und am Leben und an der Gesellschaft teilzuhaben. Einzelpersonen können diese Unterstützung nicht bieten, sie muss von echten Gemeinschaften aus Nachbarn, Eltern, Fachleuten in Schulen und Anderen kommen.

Deshalb sollten wir damit aufhören, über „Inklusion“ als Sache, Zustand oder etwas zu sprechen, das bedeutet, einfach alle Personen in einer „Klasse“ zusammenzufassen. Vielmehr sollten wir uns darüber unterhalten, welche Eigenschaften oder „inklusiven Fähigkeiten“ wir Fachleute uns gemeinsam aneignen sollten: die Fähigkeit, jeden Schüler zu sehen, zu verstehen und so zu unterstützen, dass er ein funktionierendes Wesen in einer demokratischen Gesellschaft werden kann. Das folgende Konzept kann uns helfen, uns auf reale Schulverbesserungen zu konzentrieren:

Per Skoglund's model of inclusion

Dieses Modell geht davon aus, dass Lehrkräfte die Komplexität der heutigen Vielfalt nicht alleine bewältigen können. Es scheint notwendig, eine stärkere Lerngemeinschaft unter Fachleuten aufzubauen, auf der Grundlage einer konstruktiven Führung, die proaktiver Entwicklungsunterstützung für Alltagsaktivitäten wie Lehren und Lernen die Priorität gibt – statt spezielle Ressourcen für SchülerInnen in den Mittelpunkt zu stellen, die gescheitert sind, und dann rückwirkend spezielle Unterstützung erhalten.

Deshalb werden sich das Bildungssystem, AusbildungsleiterInnen, Schulleitungen, unterstützende Funktionen und Lehrkräfte hoffentlich zusammentun und sagen:

 „Zusammen können wir mehr erreichen; wir können nicht alles allein ausgleichen, aber gemeinsam können wir versuchen, jeden Schüler und jede Schülerin bestmöglich zu sehen, zu verstehen, uns an ihn oder sie anzupassen und ihn oder sie zu fordern.“

Das ist die Herausforderung! Sie ist nicht neu, wird im Alltagsstress aber oftmals vergessen. Reflektieren Sie deshalb mindestens für eine Stunde in der Woche zusammen mit Ihren engsten ArbeitskollegInnen Ihren Alltag und konzentrieren Sie sich darauf, worum es wirklich geht. Es geht nicht darum, auf irgendetwas Besonderes, das wir erleben, zu „reagieren“ – auf „Defizite“ oder „besondere“ und im Vergleich zu „normalen“ SchülerInnen „schwierige“ Kinder. Es geht vielmehr darum, alle Akteure zu ermutigen, die Lage des ihnen am nächsten stehenden Akteurs zu verstehen und sie durch Konzentration auf die folgende Frage zu unterstützen: Was „funktioniert“ aus eigener Erfahrung und Forschungsergebnissen?


Per Skoglund ist Politikwissenschaftler und seit 2002 F&E-Koordinator der Nationalen Schwedischen Agentur für Sonderpädagogik und Schulen. Sein Schwerpunkt ist die Unterstützung von Bildungssystemen und Schulen bei der Verbesserung ihrer inklusiven Fähigkeiten. 2014 bis 2016 war er Berater der Europäischen Agentur für sonderpädagogische Förderung und inklusive Bildung.