Raum für riskante Spiele und um den Umgang mit Risiken zu erlernen

Image: Ellen Beate Hansen Sandseter

Kinder erforschen die Welt um sie herum aktiv und lieben Spiele, die mit Risiken verbunden sind und in denen sie kämpfen und ihre körperlichen Kräfte messen können. Doch dieses Bedürfnis wird in modernen Lernumfeldern oft kaum berücksichtigt, erklärt Professor Ellen Beate Hansen Sandseter vom QMUC in Norwegen.

Kinder profitieren von Spielen, die mit Risiken verbunden sind, denn im Umgang mit Risiken erlernen sie unbewusst und ganz nebenbei wichtige „Lektionen fürs Leben". Mehrere Forscher sind der Ansicht, mit Risiko verbundenes Spiel fördere die Kompetenz der Kinder, Risiken konstruktiv zu begegnen. Kinder begreifen die Welt um sie herum im Spiel, angetrieben von Neugier und dem Wunsch nach Spaß und Spannung. Durch riskante Spiele üben sie, riskante Situationen im wahren Leben zu meistern, und lernen, was sicher ist und was nicht. Leider liegt in den westlichen Gesellschaften oft der Fokus auf der Sicherheit des Kindes, besonders was Spielen und das Spielumfeld angeht.

risky play

Bild: Ellen Beate Hansen Sandseter

Obwohl Kinder von Natur aus spannende und riskante Spiele lieben, wird die Art, wie sie spielen, auch von Faktoren des Spielumfelds beeinflusst. Das Spielumfeld ermuntert und inspiriert Kinder zu einer bestimmten Art von Spiel. Laut Heft (1988) erfassen und deuten Kinder ihr Umfeld unter dem Gesichtspunkt der Funktionalität, d. h. danach, was sie dort tun können und wie sie die vorhandenen Möglichkeiten im Spiel nutzen können. Das bedeutet, eine Umgebung ermöglicht bestimmte Arten von Spiel. Diese richten sich nach den Merkmalen der Umgebung und nach den Merkmalen der Person, die sie wahrnimmt und deutet. Ein umgestürzter Baum zum Beispiel kann ein 5-jähriges Kind motivieren, auf ihm herum zu klettern, während ein 3-jähriges Kind darunter hindurch kriecht oder darauf sitzen will. Eine große Wiese lädt 4-Jährige zum Raufen und Toben ein, 2-Jährige jedoch eher zum Rennen.

Studien zeigen, dass Kinder auf Spielplätzen mit Bäumen und Gebüschen und auf Spielplätzen aus natürlichen Materialien wie Holz, Stämmen und Seilen viel begeisterter, aktiver und herausfordernder spielen. Herkömmliche Spielplätze mit Spielgeräten wie Rutsche, Karussell, Wippe, Sandkasten und Klettergerüst hingegen bieten den Kindern im Spiel kaum Herausforderungen und animieren eher zum Nicht-Spielen, d. h. zum „rumhängen“ oder herumlaufen.

climbing on a tree

Bild: Ellen Beate Hansen Sandseter

Spiele, die großmotorische Aktivitäten und Grundbewegungen umfassen (rennen, springen, werfen, klettern, krabbeln, rollen, schaukeln und rutschen), sind bei Kindergartenkindern in Naturräumen häufiger zu beobachten als auf herkömmlichen Kinderspielplätzen. Landschaftsstrukturen wie Abhänge, große Felsen und Bäume motivieren und inspirieren Kinder zu herausfordernden Kletter- und Rutschspielen. Naturspielplätze und natürliche Flächen sind Bereiche, in denen ein Kind vielfältigen Herausforderungen begegnen kann, die seine physischen und motorischen Fähigkeiten, den Umgang mit Risiken und seine emotionalen Kompetenzen trainieren und gleichzeitig Spaß und Spannung bieten. Spiel und Bewegung in der Natur konfrontieren das Kind auch mit vielfältigen kleinen und großen Risiken, mit denen es nebenbei lernen muss umzugehen, und bietet angemessene Herausforderungen für jede Altersgruppe, unabhängig von Alter, Größe, Geschicklichkeit oder Interesse.

Bei der Gestaltung von Lern- und Spielumfeldern sollte das Bedürfnis der Kinder nach spannenden und anregenden Erfahrungen nicht vergessen werden. Unebene Flächen, spannende Klettermöglichkeiten, steile Abhänge zum Rutschen, anregende und flexible Spielgeräte und Hilfsmittel sowie Naturelemente sollten Teil einer kindgerechten Spielumgebung sein. Dies fördert spannende Erlebnisse und Spaß bei den Kindern und sie lernen, mit riskanten Situationen und Risiken umzugehen.


Ellen Beate Hansen Sandseter

Ellen Beate Hansen Sandseter ist Professorin am Queen Maud University College (QMUC) in Trondheim, Norwegen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind kindliches Wohlbefinden, körperliches Spiel, Outdoor-Spiel und mit Risiken verbundenes Spiel. Derzeit leitet sie das Projekt EnCompetence, das sich damit beschäftigt, wie das physikalische Umfeld zu Spiel, Lernen und sozialer und körperlicher Gesundheit bei kleinen Kindern beiträgt.