Personalisierung: ein evidenzbasierter Ansatz von der Theorie bis zur Praxis

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Im Bildungswesen ist es eine unleugbare Tatsache, dass es so etwas wie eine homogene Klasse nicht gibt. John West-Burnham, ein Experte für die Leitung von Lehr- und Lernprozessen, plädiert für mehr Personalisierung an den Schulen.

Zu Beginn der Lernreise eines Kindes dreht sich alles um das Individuum – es hat sich bewährt, sich in den frühen Lebensjahren an den Bedürfnissen des Kindes zu orientieren. Im Laufe der Grund- und Sekundarschulbildung nehmen die Möglichkeiten für eigene Entscheidungen und zur aktiven Mitgestaltung der eigenen Ausbildung jedoch leider ab. Im Alter von 16 Jahren sind die Lernerfahrungen der Schüler dann sehr stark vereinheitlicht. Verloren geht dabei die Würdigung der Einzigartigkeit und Individualität der Lernenden und ihrer Fähigkeit, dein eigenen Lernpfad aktiv mitzubestimmen.

Einer der stärksten negativen Faktoren für das Engagement oder fehlende Engagement von Schülern ist das Prinzip der automatischen chronologischen Jahrgangsprogression, d. h., die Schulen sind nach dem Alter der Schüler organisiert und jedes Jahr wechselt die gesamte Jahrgangsstufe in das nächste Jahr, ganz unabhängig vom jeweiligen persönlichen Entwicklungsstand.

Die Lehrkräfte arbeiten unglaublich hart, um die Schwierigkeit, eine heterogene Klasse homogen zu unterrichten, zu kompensieren. Ein guter Unterricht überwindet individuelle Unterschiede, reicht aber nicht aus, um sicherzustellen, dass jeder Schüler optimal lernt. Wir müssen die Zusammenhänge verstehen, die in der einfachen Formulierung „Entwicklungsstand statt Alter“ zum Ausdruck kommen.

Es reicht nicht aus, Unterschiede zwischen den einzelnen Unterrichtseinheiten zu erkennen – das System muss auf den Einzelnen zugeschnitten sein. Laut Howard Gardner „folgt jedes Individuum einer anderen Denkweise und stellt Informationen und Wissen auf spezifische Art und Weise dar“. Und für Blakemore und Frith ist es „unwahrscheinlich, dass es für alles eine einzige universelle Art des Lernens gibt“.

Es gibt immer mehr wissenschaftliche Beweise dafür, dass wir, um das Potenzial eines jeden Kindes und Jugendlichen zu sichern, mit dem Lernenden als einzigartigem Individuum beginnen und seine Ausbildung an seiner Persönlichkeit ausrichten müssen.

... Schüler müssen in einer für sie sinnvollen Weise unterrichtet werden, und ihr genaues Verständnisniveau zu Beginn des Lernprozesses muss ermittelt werden, damit Bildung und Kompetenzentwicklung in einer logischen, hierarchischen Abfolge voranschreiten können. Die Unterstützung der Kinder sollte für alle Schulen oberste Priorität haben.
(Asbury and Plomin, 2014)

Anstatt das Fach oder die Klasse oder die Jahrgangsstufe als Ausgangspunkt heranzuziehen, sollten wir mit dem einzelnen Lernenden beginnen und zumindest erkennen, dass Lernen auf der Grundlage von „Entwicklungsstand, nicht Alter“ funktioniert.

Personalisierung kann am besten als ein Prozess verstanden werden, der darauf abzielt, die Würde und Einzigartigkeit jedes Lernenden zu respektieren, die Gleichheit in der Bildung zu verbessern, das persönliche Potenzial zu maximieren, die Bedürfnisse aller Lernenden, insbesondere der schwächsten und fähigsten, zu berücksichtigen und das Engagement der Schüler und der Lehrkräfte auszuweiten und zu verstärken. Im Wesentlichen bedeutet Personalisierung, dem Lernenden eine zunehmende Kontrolle darüber zu geben, was er lernt, wie er lernt, wann und wo er lernt und mit wem er lernt.

Jedes Lernmodell, das darauf abzielt, die Komplexität der beteiligten kognitiven Prozesse zu berücksichtigen, muss sicherlich von der Prämisse ausgehen, dass die aktive Beteiligung des Lernenden – sowohl in Bezug auf das Erlernte als auch auf den Lernprozess – eine wesentliche Voraussetzung für Lernen ist, das Verstehen beinhaltet. Für eine aktive Beteiligung der Lernenden (und damit eine zunehmende Personalisierung) sind folgende Bereiche entscheidend:

  • die Inhalte des zu behandelnden Lehrplans und dessen Detailtiefe
  • die jeweiligen Lehr- und Lernstrategien, die anzuwenden sind
  • die erforderlichen Lernkompetenzen und -strategien
  • die zu verwendenden Bewertungsmethoden
  • die Art des Coachings und der erforderlichen tutoriellen Betreuung

Erfolgreiches Lernen bedeutet, dass die Lernenden sicher über folgende Kompetenzen verfügen: wichtige Entscheidungen treffen, sich mit Erwachsenen und Gleichaltrigen abstimmen, eigene Interessen und Bedürfnisse vertreten und Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess übernehmen. In jeder Lernsituation spielen mehrere Variablen eine Rolle. Eine qualifizierte Differenzierung kann einen enormen Unterschied für das Engagement und den Erfolg der Lernenden bedeuten, aber eine Umstellung in Richtung Personalisierung kann notwendig sein, um echte Chancengleichheit und -konsistenz zu erreichen.


Professor John West-Burnham ist ein unabhängiger Autor, Lehrer und Berater für Führungsaufgaben im Bildungsbereich mit einem besonderen Interesse an Lern- und Entwicklungsprozessen für Führungspersonal und innovativen Lernansätzen in Schulen und Gemeinwesen. Er war Lehrer, Lehrerausbilder und Bildungsbeauftragter und an sechs Universitäten tätig. Herr West-Burnham ist Autor bzw. Herausgeber von 30 Büchern, darunter Understanding Leadership und Leadership for Tomorrow und hat in 27 Ländern gearbeitet.

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