Internationale Schülermobilität in Sekundarschulen: ein Phänomen mit wachsender Bedeutung

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Die internationale Mobilität von Schüler/innen ist kein neues Phänomen: Seit Ende des Zweiten Weltkriegs wird sie von politischen Institutionen und NRO gefördert, um die Völkerverständigung, den Frieden und interkulturellen Dialog zu unterstützen. Doch was ist Schülermobilität? Was lernen die Schüler/innen dabei? Wie bewerten wir das? Diese Fragen beantwortet Mattia Baiutti von der Fondazione Intercultura in diesem Artikel in aller Kürze.

Was ist Schülermobilität?

Schülermobilität ist ein Eckpfeiler der Internationalisierung der schulischen Bildung. Obwohl es sich um ein äußerst vielfältiges Phänomen handelt, kann Schülermobilität im Allgemeinen verstanden werden als „eine Reihe von Bildungsprogrammen, die einem oder mehreren Schüler(n) vorübergehend internationale physische Mobilität ermöglichen“. Anders gesagt handelt es sich um einen Auslandsaufenthalt mit einer vorher festgelegten Dauer und zu einem klar definierten Bildungszweck.

Tausende europäischer Schüler/innen überqueren jedes Jahr ihre Landesgrenzen, um in einem anderen Land zur Schule zu gehen und für eine bestimmte Zeit dort zu leben. Im Schuljahr 2017-2018 haben beispielsweise mehr als 15.000 deutsche Schüler/innen und 2018-2019 mehr als 10.000 italienische Schüler/innen länger als drei Monate eine Schule im Ausland besucht. Wenn die Pandemie vorbei ist, wird diese Jugendbewegung angesichts der Initiative für den Europäischen Bildungsraum vermutlich noch zunehmen.

Welche Auswirkungen hat Schülermobilität?

Neben der Erwartung, dass sich die Schüler/innen schulisch weiterentwickeln, ihre Beherrschung einer oder mehrerer Fremdsprache(n) verbessern und in ihrer Persönlichkeit reifen, ist eines der wichtigsten erwarteten Lernergebnisse ihres Auslandsaufenthalts die Entwicklung interkultureller Kompetenz. Diese Kompetenz bezeichnet „die Gesamtheit der Werte, Einstellungen, Fähigkeiten, Kenntnisse und des Verständnisses, die erforderlich sind, um Menschen, die als kulturell andersartig als man selbst empfunden werden, zu verstehen und zu respektieren, um effektiv und angemessen mit diesen Menschen zu interagieren und zu kommunizieren und um positive und konstruktive Beziehungen zu diesen Menschen aufzubauen“. Dies ist eine der entscheidenden Kompetenzen, die erforderlich sind, um zu Bürger/innen zu werden, die sich aktiv für eine gerechtere, harmonischere und friedlichere Welt einsetzen.

Schüler/innen entwickeln jedoch nicht unbedingt interkulturelle Kompetenz durch die einfache Teilnahme an einem Mobilitätsprogramm. Forscher/innen und Pädagog/innen sind sich einig, dass Auslandserfahrungen mit nicht-formalen Bildungsaktivitäten und Unterstützung kombiniert werden sollten, um interkulturelles Wachstum zu fördern.

Die Diskussion über die Ergebnisse von Schülermobilität konzentriert sich traditionell auf den Nutzen für den Einzelnen. Es wäre allerdings interessant, ernsthaft über Lernergebnisse für die gesamte Schulgemeinschaft nachzudenken. Wenn Schulen Mobilität fördern und die teilnehmenden Schüler/innen ihre Erfahrung mit Mitschüler/innen, Lehrkräften, Mitarbeiter/innen und Familien teilen, kann sie in der Tat einen interkulturellen und internationalen Lerneffekt für die gesamte Schule haben.

Wie lassen sich die im Rahmen von Schülermobilität erreichten Lernergebnisse messen?

Die Bewertung von Lernergebnissen ist einer der anspruchsvolleren Aspekte der Schülermobilität. Die Fondazione Intercultura hat in Zusammenarbeit mit der Universität Udine einen Bewertungsrahmen speziell für individuelle Langzeit-Schülermobilitätsprogramme entwickelt, das Intercultura-Bewertungsprotokoll. Es besteht aus einer Reihe von Instrumenten (z. B. Logbüchern, Realitätstests, Beobachtungsformularen, Raster) und verfolgt einen multimethodischen und multiperspektivischen Querschnittsansatz. Es kann sowohl als Referenz als auch als Toolbox für Pädagog/innen, Lehrkräfte, Forscher/innen und andere Beteiligte dienen, die eine auf interkulturellen Lernergebnissen basierende Bewertung entwerfen und umsetzen möchten.

Wird Schülermobilität von den Schulen anerkannt?

In Europa gibt es eine Vielzahl von gesetzlichen Bestimmungen (wenn es denn welche gibt) und Vorgehensweisen bezüglich Schülermobilität. Vor allem mangelt es an der Anerkennung der in diesem Rahmen erzielten Lernergebnisse. Dies ist eines der Haupthindernisse für die weitere Förderung der Schülermobilität in Sekundarschulen. Um die gegenwärtige Situation zu überwinden, hat die Europäische Kommission eine Empfehlung veröffentlicht, die sich mit der automatischen gegenseitigen Anerkennung der Sekundarstufe II und der Ergebnisse von Lernaufenthalten im Ausland befasst. Zusätzlich hat die Europäische Kommission ein Konsortium aus EFIL, EIESP und CESIE damit beauftragt, zur Umsetzung dieser Empfehlung beizutragen. Dies ist ein wichtiger praktischer Schritt, um einen Überblick über die Anerkennung von Lernzeiten im Ausland an allgemeinbildenden Sekundarschulen in den EU-Mitgliedstaaten zu geben und einen Vorschlag für einen europäischen Rahmen für die Anerkennung auszuarbeiten.


Mattia Baiutti

Mattia Baiutti Ph.D. (Doctor Europaeus) [@MBaiutti] forscht und unterrichtet an der Fondazione Intercultura (IT). Er beschäftigt sich mit der Internationalisierung der schulischen Bildung, Schülermobilität und ihrer Bewertung. In der Vergangenheit war er als Berater für die PISA-Studie der OECD und für den Europarat tätig.