Integration ukrainischer Flüchtlinge in der Sekundarstufe: Was tun, wenn die Schüler/innen die Unterrichtssprache nicht beherrschen?

Bild: Michele Ursi/Adobe Stock

In den letzten Wochen haben rund 5 Millionen ukrainische Bürgerinnen und Bürger die Grenze zur Europäischen Union überquert. Das ukrainische Bildungsministerium hat zwar hervorragende Arbeit bei der Einrichtung von Online-Lernangeboten für alle Schüler/innen der Sekundarstufe geleistet, aber es müssen noch Hürden überwunden werden. Mialy Dermish vom SIRIUS-Netzwerk hat sich Gedanken über die soziale und sprachliche Eingliederung ukrainischer Schüler/innen und ihren Erfolg im Bildungswesen gemacht.

Ich habe gerade einige Tage in Warschau verbracht, wo ich das internationale Bildungsseminar mit dem Titel „Bildung für ukrainische Flüchtlinge: ein erster politischer Dialog zwischen den Ländern, die Geflüchtete aufnehmen“ moderiert habe, und ich kann sagen, dass die Großzügigkeit und Unterstützung, die den Neuankömmlingen vor Ort entgegengebracht wird, sehr beeindruckend ist. Gleichzeitig muss festgestellt werden, dass die soziale und schulische Integration neu ankommender Schülerinnen und Schüler keine Selbstverständlichkeit ist.

Forschungsergebnisse zur Integration

Wenn neue Schülergruppen in größerer Zahl als erwartet eintreffen und Lehrkräften und der Schulleitung die nötige Erfahrung, Ausbildung oder Unterstützung fehlt, um sie in den Unterricht einzubeziehen, sehen wir weltweit eine ziemlich einheitliche Reaktion: Die Schüler/innen bekommen ein separates Klassenzimmer und es wird nach einer geflüchteten Lehrkraft oder einer Sprachlehrkraft gesucht, die sie unterrichtet, bis sie bereit sind, in eine reguläre Klasse zu wechseln.

Dieses gut gemeinte Vorgehen lässt jedoch außer Acht, wie unser Gehirn funktioniert. Jede Lehrkraft wird Ihnen sagen, dass Wiederholung der Schlüssel zur Beherrschung von Lernstoff ist, und jede Sprachlehrkraft wird Ihnen sagen, dass man eine Sprache lernt, indem man ständig mit ihr konfrontiert wird. In der Tat gibt es Belege dafür, dass es 3 bis 6 Monate dauert, bis Schüler/innen durch mehrere Stunden täglichen Kontakt mit einer Sprache soziale Sprachkompetenz erwerben. Aber was glauben Sie, wie viel Kontakt ich mit der polnischen Sprache bekommen würde, wenn ich in einer Klasse voller ukrainischer Kinder wäre?

Inklusion in der Praxis

In der Praxis wird es Lehrkräften, die nur wenig oder gar keine Erfahrung mit Nicht-Muttersprachlern/-innen im Unterricht haben, schwerfallen, diese einzubeziehen – besonders am Ende des Schuljahres, wie wir jetzt schon feststellen können. Wie können wir also die Schüler/innen wirklich in die Gesellschaft integrieren?

Viele europäische Länder haben Erfolg mit befristeten Willkommensklassen. Das sind separate Klassen, in die geflüchtete Schülerinnen und Schüler über einen Zeitraum von 1 Tag bis zu 2 Wochen bzw. bei älteren Schülern/-innen bis zu 3 Monate aufgenommen werden, um Grundlagen zu erwerben, bevor sie in die regulären Klassen wechseln.

Eine weitere Option, die sowohl im Vereinigten Königreich als auch in Frankreich praktiziert wird, sind Full Immersion-Programme, mit oder ohne gezielte Sprachförderung. Eine solche gezielte Unterstützung können Sprachlehrkräfte übernehmen, die die Schüler/innen für etwa 20 Minuten pro Tag separat unterrichten. Alternativ können Lehrassistenten, die Erfahrung im Unterrichten von Nicht-Muttersprachlern/-innen haben oder die Muttersprache der Schüler/innen sprechen, während des Unterrichts unterstützend eingreifen.

Wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler in ihrem ersten Jahr an der Schule einen großen Teil des Tages über Kontakt mit der neuen Sprache haben und ein Vertrauensverhältnis zu Personen aufbauen, die diese Sprache beherrschen.

Integration während der Prüfungszeit

Wir haben bereits Mai. Deshalb müssen wir die Prüfungszeit berücksichtigen. Wir können Schülern/-innen in der Vorbereitungszeit keine gemeinsamen Klassen mit Schülern/-innen zumuten, die noch nicht bereit sind, Prüfungen abzulegen. Das eigentliche Problem ist natürlich, dass man sich zu sehr auf standardisierte Prüfungen verlässt, aber das wird sich leider nicht so bald ändern.

In der Zwischenzeit können wir die Bildungsministerien auffordern, Schülern/-innen, die mit neu angekommenen Flüchtlingen zusammen Unterricht haben, Leistungsboni gutzuschreiben.

Wir können auch versuchen, den Kontakt mit der Sprache in Zeiten außerhalb der „Paukstunden“ zu pflegen.

  1. In Kunst-, Musik-, Sport- und manchen Mathematikstunden ist die Integration häufig einfacher möglich. Auch die schwerpunktmäßige Integration in einem Alter, in dem Prüfungsergebnisse weniger wichtig sind, könnte eine Option sein.
  2. Wir können den Spracherwerb von Flüchtlingen außerhalb des Unterrichts durch ein gemeinsames Frühstück in der Schule oder durch Aktivitätsangebote in den Pausen fördern. Außerdem können wir die Eltern auffordern, Gelegenheiten zu schaffen, bei denen die Schüler/innen nach der Schule Kontakte knüpfen können, oder wir bringen geflüchtete Familien bzw. Schüler/innen mit einheimischen Schülerinnen und Schülern zusammen, um gemeinsam zu lernen.
  3. Im Sommer können wir Aktivitäten und Camps organisieren, an denen einheimische und geflüchtete Schüler/innen zusammenkommen, oder wir organisieren Picknicks und Grillabende für die Familien. Eltern, Sozialarbeiter/innen und Studierende, die die Unterrichtssprache fließend beherrschen, könnten auch Kunstprojekte oder musikalische Aktivitäten für Sekundarschüler/innen auf die Beine stellen oder gemeinsame Sportteams initiieren.

Neuankömmlinge während der Prüfungszeit in Klassen aufzunehmen, ist vielleicht nicht der richtige Weg, vor allem nicht für Schüler/innen, die dieses Jahr ihre ukrainische Schulbildung online abschließen. Für Schüler/innen, die mehrere Monate in unseren Bildungssystemen verbringen werden, ist jedoch die soziale Eingliederung eine Voraussetzung sowohl für die sprachliche Integration als auch für den Bildungserfolg. Die ukrainischen Schülerinnen und Schüler können das Beste aus ihrer derzeitigen Situation machen, wenn wir ihnen ermöglichen, nach einer erfolgreichen Bildungserfahrung nach Hause zurückzukehren oder so lange wie nötig in ihrem Gastland zu bleiben.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in dieser Präsentation zur Vermeidung von Ausgrenzung.


Mialy Dermish

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Mialy Dermish ist Executive Director des SIRIUS-Netzwerks. Zuvor arbeitete sie bei der UNHCR-Regionalvertretung für EU-Angelegenheiten in Brüssel.