Ein ganzheitlicher Bildungsansatz: Lerngemeinschaften stärken

Bild: Tim Mossholder / unsplash.com

Wenn wir im Bildungsbereich alle Lernumgebungen als gleichwertig betrachten und die Lernenden in den Mittelpunkt des Prozesses stellen möchten, brauchen auch Lerngemeinschaften mehr Raum zur Entfaltung – keineswegs in Opposition zur traditionellen Schulbildung, sondern in einer symbiotischen Beziehung mit dieser.

Lernen findet nicht nur in starren Zeitfenstern statt. Es findet auch nicht ausschließlich in vorgegebenen Räumen statt. Tatsächlich ist die reiche Vielfalt von Lernumgebungen – ob innerhalb des formellen Bildungssystems oder darüber hinaus, z. B. auf kommunaler Ebene, am Arbeitsplatz, im öffentlichen Sektor oder in der Natur – wertvoller denn je, um die Anforderungen der Lernenden zu erfüllen.

Welche Rolle spielen Bildungssysteme in einer Welt, die von schnellem Wandel geprägt ist?

Zum einen ist für ihre Aufgaben eine grundlegende Neuorientierung erforderlich. In diesem Zusammenhang hat der Begriff „lebenslanges Lernen“ an Bedeutung gewonnen. Das Lernen wird dabei als ein grundlegender Anspruch betrachtet, untermauert von der Ansicht, dass jeder Mensch, unabhängig von Alter oder Lebensphase, die Fähigkeit zum Lernen besitzt und die soziale Unterstützung erhalten sollte, sich in Lernumgebungen zu engagieren.

Lokale Lerngemeinschaften haben hier ihr Potenzial als lebendige Knotenpunkte für alltägliche Aktivitäten und Interaktionen gezeigt.

Warum eignen sie sich so gut für die Bewältigung der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts?

Lerngemeinschaften stehen in der Regel nicht unter Druck, den Lernerfolg rasch von formellen Institutionen anerkennen oder überprüfen zu lassen, dadurch wird das Lernen weniger als Verpflichtung empfunden. Die Lernenden können ihren Lernprozess in einer angstfreien, wenig hierarchischen Umgebung selbst aktiv gestalten. Sie sind motiviert, ihre Zeit aus freiem Willen in die Bildung zu investieren – ohne gesellschaftliche Zwänge. Der Lernprozess ist dabei nicht auf die reine Wissensvermittlung beschränkt, es ist vielmehr ein vielschichtiger Prozess, der die persönliche Weiterentwicklung fördert.

Die Stärkung von Lerngemeinschaften durch einen Ansatz des lebenslangen Lernens bei gleichzeitiger lokaler Einbindung ist ein wirksames Mittel, um zu verhindern, dass marginalisierte Gruppen den Anschluss verlieren. Evidenz deutet darauf hin, dass Schulen die Ziele der Inklusion mit größerer Wahrscheinlichkeit erreichen, wenn sie mit lokalen Akteuren, einschließlich der Behörden, zusammenarbeiten und wenn die Schüler/innen und die am schwersten zu erreichenden Adressaten die Möglichkeit haben, ihre eigenen Lernerfahrungen zu gestalten.

Lokale Gemeinschaften setzen oft stark auf informelle Methoden und Pädagogik, was sich in Bezug auf Inklusion und Integration als am wirksamsten erwies. Das gilt für alle Gruppen von Lernenden: für Neueinsteiger/innen wie Flüchtlinge und Asylbewerber/innen, für Lernende mit Migrationshintergrund, besonderen Lernbedingungen oder Behinderungen und für diejenigen, die aus einem benachteiligten sozioökonomischen Umfeld kommen.

Welche Rolle können formelle Bildungseinrichtungen für Lerngemeinschaften spielen?

Formelle Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten sind in der Regel von den Kommunen, in denen sie sich befinden, abgeschottet, stehen nur den jeweiligen Schülern/-innen und Studierenden zur Verfügung und stehen abends, an Wochenenden und in den Ferien leer. Wir sollten diese Lernumgebungen stattdessen in das lokale Umfeld einbeziehen und sie für andere Nutzer in der Umgebung öffnen. Dies könnte in Form von kommunalen Lerninitiativen oder durch die Einrichtung von kommunalen Zentren für lebenslanges Lernen geschehen, die auch auf die Anforderungen einer an persönlicher und beruflicher Weiterentwicklung interessierten Öffentlichkeit eingehen können.

Das Bestmögliche, das wir für eine qualitativ hochwertige und inklusive Bildung erreichen können, ist die Kombination von kommunalen Zentren für lebenslanges Lernen mit kommunalen multidisziplinären Teams an einem zentralen Ort. Ein solcher Ansatz vereint die einladende und druckfreie Herangehensweise von kommunalen Zentren für lebenslanges Lernen mit der Kapazität von Teams, die sich um Menschen mit sehr komplexen Anforderungen kümmern. Auf diese Weise kann jemand, der an Kursen zum lebenslangen Lernen teilnimmt, bei Bedarf zusätzliche Unterstützung erhalten, z. B. emotionale, soziale und multikulturelle Beratung, Unterstützung für die Familie und Angebote für ehrenamtliche Arbeit.


Arja Krauchenberg

Arja Krauchenberg ist Sprachwissenschaftlerin für romanische Sprachen und arbeitet neben ihrer Dozententätigkeit für Lehramtsstudiengänge an der Universität Wien als Fremdenführerin. In Österreich war sie in den Jahren 2018 bis 2019 Präsidentin des Verwaltungsrats der European Parents' Association (EPA), wo sie derzeit als Projektkoordinatorin tätig ist. Im Jahr 2020 wurde sie zur Präsidentin der Lifelong Learning Platform (LLLP) gewählt.