Der Weg hin zu einer demokratischen Schulkultur in der Türkei

„Niemand weiß von Geburt an, was Demokratie ist – das muss man lernen und vor allem erfahren.“ Sarah Keating von der Bildungsabteilung des Europarats spricht über ihre aktuelle Arbeit.

Wie sollten wir von Istanbul bis in die mesopotamischen Ebenen bei Mardin eine demokratische Schulkultur fördern? Bei etwa 17 Millionen Kindern im Schulalter in der Türkei schien diese Aufgabe entmutigend. Aber in vielen der 80 Schulen in zehn Provinzen des Landes, mit denen der Europarat zusammenarbeitet, konnten positive und konkrete Veränderungen erwirkt werden.

Landscape in Turkey

Generation Demokratie

Zusammen mit dem türkischen Bildungsministerium unterstützte der Europarat im Rahmen eines gemeinsamen Projekts der Europäischen Union und des Europarates eine demokratische politische Bildung.

Zu den Ergebnissen zählen ein neuer Kurs zum Thema Demokratie und Menschenrechte für alle 10-Jährigen – das sind jedes Jahr etwa 1,3 Millionen Kinder, ein Wahlfach in der Oberstufe, neue Lehrbücher und ausgebildete Lehrkräfte. Die Schulen förderten die demokratische Kultur darüber hinaus mit Aktivitäten auf Schulebene.

School in Turkey

Bedeutet das für die Lehrkräfte Zusatzarbeit?

Ein Lehrer sagte uns: „Wir haben so viele Verpflichtungen, wir haben schlicht keine Zeit, zusätzlich noch Demokratieförderung zu betreiben.“ Eine andere Lehrerin gab zu, Angst vor Chaos in ihrer Klasse zu haben, wenn sie dort demokratischere Methoden zuließe.

Mit diesem Projekt haben die Lehrkräfte verstanden, dass das Ziel nicht darin bestand, das vorhandene Lehrangebot mit einem zusätzlichen Kurs zu überfrachten, sondern darin, eine demokratische Kultur in allen Lehrplänen, im Unterricht und in der Verwaltung zu verankern. Es geht also nicht nur um die Vermittlung von Menschenrechten und Demokratie, sondern auch um die Vermittlung von Wissen durch Menschenrechte und Demokratie.

Was wurde in den Schulen konkret gemacht?

Das Projekt zielte darauf ab, Verhaltensweisen und Gewohnheiten zu verändern. So wurde in den Schulen beispielsweise ein „Wunschbriefkasten“ angebracht. Zunächst äußerten die SchülerInnen dort eher unrealistische Anliegen, merkten aber schnell, dass sie sich auch mit möglichen Lösungen für Probleme befassen müssen. Die SchülerInnen einer Schule hatten beispielsweise kein Außengelände für die Pausen. Nachdem sie das erst untereinander und anschließend mit den Lehrkräften und der Verwaltung besprochen hatten, gelang es ihnen, einen Parkplatz zur Spiel- und Sportfläche umzugestalten.

In einer anderen Schule war die Verwaltung es leid, ständig beschädigte Klassentüren auszutauschen und lud die SchülerInnen ein, die Türen mit Motiven zu den Themen Demokratie und Menschenrechte selbst zu gestalten. Weil sich die SchülerInnen dann für die Türen verantwortlich fühlten, mussten sie nie mehr ausgetauscht werden – was sich auch positiv auf das Schulbudget auswirkte.

Solche Veränderungen vollzogen sich Schritt für Schritt. Die SchülerInnen fühlten sich ihrer Schule stärker verbunden, es gab weniger Mobbing, und manchmal verbesserten sich sogar die schulischen Leistungen. Eine Schülerin erzählt uns, sie gehe jetzt viel lieber zur Schule, weil sie das Gefühl habe, ihre Meinung zähle dort.

Was haben wir gelernt?

Die Schulen müssen freiwillig mitmachen und die Verwaltung, die Lehrkräfte, die SchülerInnen und auch das Reinigungspersonal einbeziehen. Und, ganz wichtig, auch die Eltern. Wir sind zu der Erkenntnis gelangt, dass es am besten ist, in der Grundschule anzufangen. Außerdem ist uns klar geworden, dass Aktivitäten auf Ebene der einzelnen Schulen zwar eine gute Grundlage bilden, es aber trotzdem eines systematischeren Ansatzes bedarf.

Stairs in Turkish school

Auf europäischer Ebene?

Der Europarat hat beschlossen, dieses Thema für seine 47 Mitgliedstaaten im Rahmen eines Referenzrahmens der Kompetenzen für eine demokratische Kultur anzugehen. Auf der Grundlage umfangreicher Forschungen wurden 20 Kompetenzen für eine demokratische Kultur sowie Indikatoren in den vier Kategorien selbständige Lernkompetenzen, Einstellungen, Werte und Wissen und kritisches Denken identifiziert. Sie wurden im Mai 2016 von den Bildungsministern bestätigt.

20 Competences for Democratic Culture

Das Rahmenwerk erweist sich als sinnvolles Hilfsmittel für Länder, die laufend Reformen ihrer Bildungssysteme umsetzen. Unserer Ansicht nach ist es universell, lässt sich in verschiedenen Kontexte anwenden und leicht an unterschiedliche nationale Systeme anpassen.

Solche Reformen beinhalten die Förderung eines aktiven bürgerschaftlichen Engagements und von inklusiver Bildung sowie die Vermeidung von Mobbing und Radikalisierung. Beispiel: Wenn spezifische Maßnahmen in Schulen eingeführt werden, um Kinder mit einem besonderen Förderbedarf zu unterstützen, fördert der Rahmen gleichzeitig auch die Akzeptanz dieser Kinder, weil er Kompetenzen wie Empathie vermittelt.

Was steht für die Türkei jetzt an?

Die Türkei hat entschieden, den Rahmen in sein Bildungssystem zu übernehmen. 2018 startete ein dreijähriges Projekt zwischen der EU, dem Europarat und dem türkischen Bildungsministerium. Das Projekt fördert eine Kultur der Demokratie in Schulen, seien sie in Istanbul oder in ländlichen Gebieten im Südosten. Denn egal wo man geboren wurde, muss man Demokratie lernen und praktizieren, um ein aktiver Bürger zu sein.


Sarah Keating kam 1994 zur Bildungsabteilung des Europarates und leitet mittlerweile den Bereich Zusammenarbeit und Kapazitätenaufbau. Sie verantwortet Projekte zu inklusiver Bildung, demokratischer Kultur und Ethik und Integrität in der Bildung. Sie hat drei Jahre in Sarajevo gearbeitet und reist regelmäßig in die Türkei und die erweiterte Region.