Wir können es uns nicht leisten, die frühkindliche Bildung außer Acht zu lassen

Image: ISSA & McConnico

Im Bereich der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung stehen wir derzeit vor sehr großen Herausforderungen. Jahrzehntelang haben wir darum gekämpft, die Bedeutung der frühen Lebensjahre für die gesamte Entwicklung des Individuums deutlich zu machen, und wir haben die Vorteile einer gut geförderten Frühphase hervorgehoben. Wir glaubten, dass die frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung auf der europäischen und globalen Agenda bald eine hohe Priorität haben würde. Jetzt, da wir die COVID-19-Pandemie besser unter Kontrolle haben, können wir uns wieder mit den Prioritäten vor der Krise befassen und die aktuelle Situation in dieser Hinsicht in Augenschein nehmen. Was sehen wir?

Lassen Sie uns die Systeme der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung gemeinsam betrachten und dabei die Situation vor und nach der Krise vergleichen.

Vor der Krise wurde gegenüber der Politik immer wieder Besorgnis über die Qualität dieser Systeme geäußert, bis schließlich auf europäischer Ebene im Mai 2019 die Empfehlung des Rates zu hochwertiger frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung veröffentlicht wurde. Dieses erste Dokument seiner Art war ein vielversprechender Schritt zur Anerkennung der Bedeutung der Qualität solcher Systeme und der Notwendigkeit nachhaltiger Investitionen in die frühe Lebensphase.

Die Herausforderungen bei der Verbesserung der Qualität erstreckten sich auf mindestens drei Bereiche:

  • Zugang – geringer Zugang insbesondere für die jüngsten Kinder (unter 3 Jahren) und für die am meisten gefährdeten Kinder und Familien
  • Personal – alternde Beschäftigte, schlecht bezahlt und mit niedrigen Verbleibsquoten; prekäre Arbeitsbedingungen und geringe Aufstiegs- und Karrierechancen
  • Lenkung und Finanzierung – insgesamt ein unterfinanzierter Sektor mit unzureichender Infrastruktur und schlechter Koordination, vor allem zwischen den Altersgruppen der Kinder und bei unterteilten Systemen

Und was geschieht jetzt in diesem sich schnell verändernden Umfeld, wo wir immer noch nicht das genaue Ausmaß der Auswirkungen der COVID-19-Krise auf diesen Bildungsbereich kennen?

In vielen Ländern entsprach die Infrastruktur der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung bereits zuvor nicht dem Bedarf (oder Anspruch?) der Familien. Jetzt sehen wir noch weniger Chancen, dass sich der Zugang zu diesem Bereich verbessern wird, insbesondere für diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Wenn vor der Krise der Zugang zur frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung das Ausmaß widerspiegelte, in dem die Regierungen Investitionen in die jüngsten Generationen in ihren Ländern Priorität einräumten, so spiegelt jetzt der geringe Zugang zu diesem Bereich und die niedrige Teilhabe daran die Ungleichheit und Ungerechtigkeit in den Gesellschaften wider, verschärft diese und trägt außerdem dazu bei, dass die Kluft zwischen den verschiedenen Gruppen von Kindern tiefer wird.

Solange die Politik den Familien nicht die Unterstützung zukommen lässt, die sie brauchen, um wirtschaftlich autark zu sein, wird gerade den Kindern, die eine frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung am dringendsten benötigen, weiterhin ein fairer Start verwehrt bleiben und ihre Zahl wird mit zunehmender Armut der Familien leider ansteigen. Vielleicht muss dieser Bereich heute mehr denn je als ein öffentliches Gut und ein Element der Grundversorgung in der Gesellschaft angesehen werden, die für alle Kinder verfügbar und erschwinglich sind. Hier beginnt der Kampf gegen Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Gesellschaft.

Bereits vor der Krise litt das entsprechende Personal unter niedrigen Gehältern, einer geringen Anerkennung seiner Arbeit und unzureichenden Aufstiegs- und Karrierechancen. Im Bereich der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung waren dringend Investitionen erforderlich, um die Fachkräfte zu halten und neues Personal zu rekrutieren. Jetzt haben die Mitarbeiter/innen Angst um den Verlust ihres Arbeitsplatzes (einige haben ihn bereits verloren), obwohl sie die beispiellose Herausforderung, aus der Ferne zu arbeiten, gemeistert haben. Bei der Wiedereröffnung der Einrichtungen liegen hoher Druck und Verantwortung auf ihren Schultern.

Auf kommunaler Ebene haben sie eine wichtige Pufferfunktion und ihr Beitrag ist bei der Schaffung von Sicherheitsnetzen für Kinder und Familien entscheidend. Eltern kümmern und sorgen sich am meisten um ihre kleinen Kinder. Die Mitarbeiter/innen in der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung sorgen auf professionelle Weise für alle Kinder und Familien.

Wird ihre Arbeit irgendwann die öffentliche Anerkennung erfahren, die sie verdient? Eine ausgewogene und transparente Analyse der Dienstleistungen, die für das Gefüge gut funktionierender und generativer Gesellschaften (und Volkswirtschaften) entscheidend sind, wird fundierte Argumente dafür liefern, der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung auf der Liste der jetzt und in der Folgezeit erforderlichen raschen Investitionen hohe Priorität einzuräumen.


Dr. Mihaela Ionescu

Dr. Mihaela Ionescu ist Programme Director bei der ISSA – International Step by Step Association. Sie ist Expertin für frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung und promovierte Bildungswissenschaftlerin. Seit 25 Jahren forscht sie im Bildungsbereich, entwickelt Richtlinien und ist als Ausbilderin und Programm- und Projektkoordinatorin mit dem Ziel tätig, die Qualität und Gleichbehandlung in diesem Sektor zu verbessern.