Blended Learning an Steiner-Waldorfschulen

Bild: Waldorf-Kindergarten im Vereinigten Königreich

Unter „Blended Learning“ versteht man heute in der Schule in der Regel den Einsatz digitaler Technologien zur Ergänzung traditioneller Lehr- und Lernmethoden. Martyn Rawson erklärt, dass die Waldorfpädagogik nach Steiner Blended Learning in einem weiteren Sinn versteht: Sie spannt den Bogen von der unmittelbaren, körperlichen Erfahrung bis hin zur Nutzung digitaler Medien.

Was ist die Waldorfpädagogik nach Steiner?

Die Waldorfpädagogik nach Steiner geht davon aus, dass alle Kinder mit dem Potenzial und dem Wunsch geboren werden, Beziehungen zu knüpfen, und dass sie dadurch Kompetenzen entwickeln. Dieser Ansatz kann als ganzheitlich und beziehungsorientiert bezeichnet werden, da er darauf abzielt, die ganze Person – körperlich, emotional und kognitiv – in den Lernprozess einzubeziehen. Er unterstreicht die Bedeutung von Beziehungen: die Beziehung des Menschen zu seinem Körper, zu den Kulturen der Welt und zu seiner physischen und natürlichen Umgebung.

Unser Gehirn und unser Nervensystem sind Beziehungsorgane, und unser Wissen über die Welt und unsere Fähigkeit, sinnvoll zu handeln, sind untrennbar mit unserer körperlichen Beziehung zu unserer Umgebung verbunden. Als körperliche Wesen sind wir in die Welt eingebettet und nicht nur passive Beobachter. Wir spiegeln „hier drin“, was wir „da draußen“ sehen.

Ohne zu philosophisch zu werden: Es ist wichtig zu erkennen, dass unsere Fähigkeit, die Realität zu erfassen, buchstäblich Hand in Hand mit unserer sensomotorischen Erfahrung der realen Welt geht, und dass diese unserem kognitiven Verständnis vorausgeht.

Lernräume in Steiner-Waldorfschulen

Lernumgebungen in der realen Welt werden durch das Lernen im Klassenzimmer ergänzt und nicht andersherum. Die Waldorfpädagogik nach Steiner trägt dem in mehrfacher Hinsicht Rechnung.

In der frühkindlichen Lernphase verbringen die Kinder das ganze Jahr über einen Großteil ihrer Zeit im Freien und erledigen praktische Arbeiten wie Backen, Kochen, Putzen und Gartenarbeit.

Für Kinder zwischen 6 und 14 Jahren verändert sich das Lernen im Freien vom Erleben der Natur zu ihrer Darstellung. Dazu sind im Lehrplan praktische Einheiten in folgenden Bereichen vorgesehen: traditioneller Hausbau und Landwirtschaft, Entwurf von Landkarten, Herstellung von Holzkohle, Kalklöschen, Exkursionen auf dem Gebiet der Biologie und Geografie sowie wissenschaftliche Experimente.

Schüler/innen der Sekundarstufe absolvieren jährlich dreiwöchige Praktika in den Bereichen Land- und Forstwirtschaft (14-15 Jahre), Vermessung und Industrie (15-16 Jahre), Sozialarbeit (16-17 Jahre) sowie Einzel- und Gruppenprojekte (17-18 Jahre). Jedes Praktikum wird durch Fotos, Filme, Online-Dokumentationen, Podcasts, Audiotagebücher usw. dokumentiert. Theaterproduktionen ersetzen den normalen Unterricht im Klassenzimmer und die Schüler/innen werden in Dramaturgie, Design, Kostümherstellung, Bühnenbild, Beleuchtung, Musik, Marketing, Schauspiel und sogar in die Regiearbeit einbezogen. Schülerfirmen werden gegründet und bieten reale Dienstleistungen an.

Der Lernansatz beginnt immer mit der Einstimmung des Körpers (Übungen für entspannte Aufmerksamkeit), vielfältigen Erfahrungen, Erinnern, Abrufen und Rekonstruieren, Teilen und Vergleichen und Bilden von Konzepten. Erst später kommt das Vergleichen mit bestehenden Konzepten und das Verknüpfen neuer Konzepte mit vorhandenem Wissen hinzu.

Der Lehrplan für digitale Medien beginnt mit dem Erstellen und Analysieren von Bildern und Texten, bevor Schritt für Schritt digitale Technologie eingesetzt wird. Die Technologie wird stets in andere sinnvolle Aktivitäten eingebunden: Im Rahmen des Unterrichts über Nachrichtenmedien erstellen die Schüler/innen beispielsweise ihre eigenen Zeitungen (online und in Papierform), schreiben Blogs, führen Videointerviews durch usw. Die Schülerinnen und Schüler werden von der Handdrucktechnik zur Computergrafik und von der mechanischen Rechenmaschine zum Taschenrechner geführt.

Blended Learning bedeutet nicht nur, Dinge in Echtzeit zu tun und praktisch auszuprobieren, sondern auch zu analysieren und darüber nachzudenken, wie Technologie, KI und digitale Medien unsere Beziehungen zur Welt, zu anderen und zu uns selbst auf positive und natürlich auch auf negative Weise beeinflussen.

Weitere Ressourcen:


Dr. Martyn Rawson arbeitet seit 1979 als Waldorflehrer, sowohl im Vereinigten Königreich als auch in Deutschland. Derzeit unterrichtet er in Hamburg und ist auch in der Lehrerausbildung für den Masterstudiengang an der Freien Hochschule Stuttgart tätig. Außerdem ist er Honorarprofessor an der National Tsing Hua University in Taiwan (derzeit wegen der Pandemie nur online).