Schule (um)gestalten: Ein Tutorial zu Lernumfeldern

Bild: French International School in Peking, Jacques Ferrier Architecture (Foto: Luc Boegly)

Das traditionelle Klassenzimmer mit Tafel, vorne stehendem Lehrer und Tischreihen geht zurück auf die Klöster des Mittelalters. In einer hochtechnisierten Gesellschaft, in der immer mehr Wert auf Schlüsselkompetenzen und schülerzentrierte Pädagogik gelegt wird, muss sich jedoch auch das Lernumfeld anpassen. In diesem Tutorial erfahren Sie, dass grüner häufig besser ist, Unterrichtsräume nicht immer Mauern benötigen, und vieles mehr.

Lernumfelder verstehen

Lernumfelder wandeln sich ganz einfach deshalb, weil Räume, die vor Jahrzehnten gestaltet wurden, nicht unbedingt den heutigen Bedürfnissen der SchülerInnen entsprechen. Die Veröffentlichung der UNESCO The Futures of Learning 3 (2015) macht deutlich, dass moderne Lehrmethoden wie umgedrehtes, kollaboratives, projektbasiertes und szenarienbasiertes Lernen auch eine Umgestaltung der Unterrichtsräume notwendig machen, um mehr Bewegungsfreiheit und Flexibilität zu schaffen.

Future Classroom Lab

Bild: Future Classroom Lab, European Schoolnet

Das KeyCoNet-Projekt (2014) spricht sich auch dafür aus, Schlüsselkompetenzen durch interaktive Lernumfelder zu vermitteln, in denen die SchülerInnen praktische Aufgaben lösen. Interaktive Lernumfelder motivieren die SchülerInnen zu aktivem und autonomem Arbeiten und erfordern gleichzeitig Zusammenarbeit. Sie fördern auf diese Weise sowohl soziale als auch kommunikative Kompetenzen.

Ebenso belegt eine Studie der Universität Salford in England (2015), dass bis zu 16 % des Lernerfolgs von Grundschülern in einem Schuljahr auf die durchdachte Gestaltung der Unterrichtsräume zurückzuführen ist. Tageslicht, Temperatur, Luftqualität, Farbe und eine individuelle Raumgestaltung gehörten zu den wichtigsten physikalischen Faktoren für den Lernerfolg der SchülerInnen.

schools in Colombes

Bild: Simone Veil Schulzentrum in Colombes, Dominique Coulon & associés (Foto: Eugeni Pons)

Das Compendium of Exemplary Educational Facilities der OECD präsentiert bemerkenswerte Beispiele aus der ganzen Welt für die Gestaltung von Bildungseinrichtungen und bietet so Inspirationen und Informationen für EntscheidungsträgerInnen, PädagogInnen und ArchitektInnen. Unter den ersten sechs Schulen des Kompendiums befand sich 2011 auch die Bertha von Suttner Schule in Schwechat für Kinder mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen und Verhaltensauffälligkeiten.

Lernen fördern mit neuen Ansätzen

Mehr Aktion: Warum sollte Bewegung nur im Sportunterricht stattfinden? Lassen Sie sich inspirieren vom iMo-LEARN-Würfel oder dem Treppenaufgang des Ørestad Gymnasiums und bringen Sie mehr Bewegung in den Alltag der SchülerInnen!

Mehr Bücher, andere Bücher: Schulbibliotheken sind keinesfalls veraltet, sollten allerdings mit der technischen Entwicklung Schritt halten und sowohl analoge als auch digitale Medien anbieten. Außerdem sollte in Bibliotheken auch beliebter Lesestoff wie Fantasy-Romane, Comics und Zeitschriften zu finden sein. Kinder und besonders Jungen verbringen heute weniger Freizeit mit Lesen als früher, was das Leseverständnis laut PISA 2012 stark beeinträchtigt. Einfache und anprechende Texte können als Einstieg zu komplexeren Werken dienen.

Lishin Elementary School Library

Bild: Bibliothek der Lishin Elementary School, TALI DESIGN

Mehr Technologie für alle: Elektronische Geräte sollten nicht nur im Informatik-Raum zu finden sein. Wenn der Preis ein Thema ist, können Schulen ausgediente Computer von Firmen oder Institutionen nutzen oder Tablets aus öffentlichen Bibliotheken ausleihen. Zu wenig Steckdosen können mit gegen Überspannung geschützten Steckerleisten ausgeglichen werden. Grenzen machen erfinderisch!

Erfolgsgeschichten: Die Publikation Exploring and Adapting Learning Spaces in Schools enthält konkrete Beispiele für die Umgestaltung von Schulen und Klassenzimmern aus acht Schulen in Europa. Ein Schulleiter rät: „Bilden Sie an Ihrer Schule einen Arbeitskreis, erarbeiten Sie ein klares Bild davon, was Sie erreichen können, gehen Sie die räumliche Umgestaltung als Projekt an und nehmen Sie auch Eltern und Behörden mit ins Boot.”

Am Puls der Schule sein

Bei der Modernisierung des Lernumfelds einer Schule gibt es viele Möglichkeiten. Hier einige Ideen:

Kreative Nutzung des Mobiliars: Auch eine neue Anordnung des vorhandenen Mobiliars kann starre Muster mit klassischen Tischreihen durchbrechen und die Interaktion im Klassenraum fördern. Denkbar sind eine L-förmige Anordnung im rechten Winkel, die die Kommunikation zwischen den SchülerInnen fördert, eine Hufeisenform, die der Lehrkraft ermöglicht, näher auf die Klasse zuzugehen, Gruppentische, ein Konferenztisch, ein Kreis oder ähnliches. Achten Sie wenn möglich darauf, dass die Tische leicht umgestellt werden können, und probieren Sie verschiedene Anordnungen aus!

Selbstbewertung Ihrer Lernräume: In mehreren Projekten wurden Audit-Tools und Checklisten erstellt, die eine gute Ausgangsbasis bieten können. Eines davon ist die Schulumfrage der OECD mit dem Titel School User Survey: Improving Learning Spaces Together, die drei Fragebögen zur Selbsteinschätzung für SchülerInnen, Lehrkräfte und SchulleiterInnen enthält. Die Umfrageergebnisse können auf Schulebene zur kontinuierlichen Verbesserung und klugen Modernisierung von Bildungseinrichtungen genutzt werden.

Fênix Arquitetura Nacional

Bild: Fênix, Arquitetura Nacional (Foto: Marcelo Donadussi)

Crowdsourcing bei Renovierungsmaßnahmen: SchülerInnen können bei der Umgestaltung von Lernräumen einen wichtigen Beitrag leisten, immerhin verbringen sie die meiste Zeit darin. Die Schulleitung könnte zum Beispiel eine Begehung mit den SchülerInnen oder einem Architekten organisieren, um die Räume zu begutachten, mit den Benutzern zu sprechen und ihren Bedarf zu ermitteln. Für die SchülerInnen können schon kleine Aufgaben einen großen Unterschied machen. Sie könnten zum Beispiel die Wände neu streichen oder den Fliesenboden mit witzigen Schachbrett- oder Tic-Tac-Toe-Mustern gestalten. Im Übrigen gehen SchülerInnen besser mit Schuleigentum um, wenn sie selbst an der Gestaltung beteiligt waren.

Literaturempfehlungen: