Lehren aus dem Geschichtsunterricht während früherer Kriege in Europa

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In Zeiten von Konflikten wie dem Krieg in der Ukraine rückt die Frage nach historischen Narrativen und deren Vermittlung neu in den Fokus. In diesem Tutorial wird untersucht, wie Geschichtslehrkräfte mit Konflikten und unterschiedlichen Meinungen umgehen können, um das Fach für alle Schülerinnen und Schüler sinnvoll zu gestalten.

Im Jahr 1954, in den Nachwehen des Zweiten Weltkriegs, rief das Europäische Kulturabkommen die europäischen Nationen auf, durch das Studium der Zivilisation, der Sprachen und der Geschichte der jeweils anderen Nationen Einheit zu erreichen.

Ein Dreivierteljahrhundert später bleibt der Geschichtsunterricht eine Herausforderung für die Lehrkräfte, deren nationale Lehrpläne größtenteils „Spiegel von Stolz und Schmerz sind, in denen nationale Leiden und Triumphe hervorgehoben werden, während der Schaden, der anderen zugefügt wurde, abgeschwächt oder nicht einmal erwähnt wird“ (van der Leeuw). Gleichzeitig wächst das Verständnis dafür, wie sich das Fach weiterentwickeln sollte, um in vielfältigen und demokratischen Gesellschaften zu gedeihen und diese zu fördern.

Zu den wichtigen Begriffen in diesem Zusammenhang gehören historische Empathie, Multiperspektivität, plurale Identität und Co-Creation.

1. Historische Empathie

Auch wenn der Begriff irreführend erscheinen mag, ist historische Empathie nicht so sehr ein emotionaler als vielmehr ein analytischer Ansatz. Er bedeutet, „ganze Konzepte im Kopf zu haben, die nicht die eigenen sind und mit denen man möglicherweise zutiefst nicht übereinstimmt“ (Ashby und Lee). Bei dieser Methode stellen die Lernenden Nachforschungen an, entwickeln ein gutes Urteilsvermögen und informieren sich über strittige Fragen.

Ein praktisches Beispiel ist eine Studie von Endacott aus dem Jahr 2014, in der er den Einsatz der Atombombe durch Harry Truman im Jahr 1945 im Unterricht behandelte. Nachdem er den Schülerinnen und Schülern Berichte aus erster Hand und anderes Material vorgelegt hatte, stellte er Fragen wie diese: Hat jeder zu dieser Zeit diese Dinge geglaubt oder gab es Menschen und Gruppen, die anders dachten? und Was sagt diese Quelle über die Prinzipien, Überzeugungen, Werte oder Positionen der historischen Figur aus? Im Laufe der Studie analysierten die Schüler/innen Trumans Entscheidungen immer genauer.

2. Multiperspektivität

Multiperspektivität ist die Vorstellung, dass wir nicht von einer einzigen historischen Wahrheit ausgehen sollten, sondern von mehreren möglichen Sichtweisen und Interpretationen der Vergangenheit, die aus unterschiedlichen Quellen stammen. Natürlich sollten die Schülerinnen und Schüler über Methoden zur Faktenprüfung und Widerlegung schließlich zur Erkenntnis gelangen, dass nicht alle diese Ansichten gleichermaßen gültig sind oder für bare Münze genommen werden sollten.

Das bilaterale Projekt zum Geschichtsunterricht auf Zypern des Europarates schlägt eine passende Aktivität vor, bei der die Schüler/innen die Aufgabe erhalten, Hintergrundrecherchen für einen hypothetischen Film durchzuführen. In einem der Arbeitsschritte müssen sie entscheiden, wie sie die Schlacht von Lepanto im Jahr 1571 darstellen wollen, und sie sollen herausfinden, wie sich die Darstellung je nach Perspektive verändern könnte: zum Beispiel aus der Sicht des spanischen Königshofs oder aus der Sicht des Beraters des Sultans.

3. Identität

Es wäre eine spannende Aufgabenstellung, im Geschichtsunterricht gleichzeitig eine nationale Identität und eine EU-Identität zu fördern. Andererseits setzt sich ohnehin zunehmend die Erkenntnis durch, dass Menschen mehrere, nebeneinander existierende Identitäten haben.

Dies lässt sich auf die sogenannte „Hybridität“ oder „Verflechtung“ der Kulturen zurückführen (Stockhammer). Verschiedene Aspekte von Kulturen können aufgrund von laufenden gesellschaftlichen Verschiebungen, Bewegungen und Aktivitäten sowie aufgrund größerer Veränderungen wie Naturkatastrophen, Kolonisierung, Invasion und technologischen oder militärischen Entwicklungen miteinander verschmelzen oder sich vermischen.

Die Verwendung des Begriffs „plurale Identität“ kann dazu beitragen, dieses Verständnis bei den Schülern/-innen zu fördern.

4. Co-Creation von Bedeutungsinhalten

Der konstruktivistische Charakter der Geschichte ermöglicht es den Menschen auch, gemeinschaftlich Sinn zu stiften. Einige bewährte Verfahren sind:

Mithilfe von Co-Creation können Lehrkräfte auch Eltern einbeziehen, Grenzen erweitern und kontroversere Themen ansprechen, die sie sonst vielleicht vermeiden würden.


Dieses Tutorial basiert auf:

Weitere Ressourcen:

https://www.schooleducationgateway.eu/de/pub/resources/publications/inclusion-of-young-refugees-.htm

https://op.europa.eu/de/publication-detail/-/publication/cd9faea8-ba77-11ea-811c-01aa75ed71a1/language-de/format-PDF/source-search

https://www.coe.int/en/web/campaign-free-to-speak-safe-to-learn/-/quality-history-education-in-the-21st-century-principles-and-guidelines-2018-

https://www.coe.int/en/web/reference-framework-of-competences-for-democratic-culture/home

https://op.europa.eu/de/publication-detail/-/publication/cd9faea8-ba77-11ea-811c-01aa75ed71a1/language-de/format-PDF/source-search

https://padlet.com/EuroClio_Secretariat/13ck4n4khw4voyxq